U.S. Public Health Service rat control, New Orleans, La. - Man sieht zwei Männer im Anzug vor einer für unser heutiges Empfinden ziemlich heruntergekommenen Hütte stehen, anscheinend im Gespräch.

Früher war alles besser?

Juni 2021, Monat 18 nach Corona

Es ist der Monat Juni im Jahr 2021. Achtzehn Monate nach den ersten Berichten aus China über eine neuartige Atemwegserkrankung, die sich dann leider zu einer Pandemie ausgeweitet hat, wie wir sie uns vorher kaum hatten vorstellen können.

Und das obwohl wir technisch und wissenschaftlich auf einem Stand sind, der die effektive Bekämpfung von Infektionskrankheiten möglich macht.

Ich wage sogar zu behaupten: Die Pandemie konnte sich so ausufernd entwickeln weil wir technisch und wissenschaftlich auf einem Stand sind, Infektionskrankheiten wirksam zu bekämpfen. Wir wurden Opfer des eigenen Erfolgs.

Weil sie weit weg sind und weit weg waren, solange sich die meisten von uns erinnern können. Weil wir die, die wir noch kennen, gut behandeln können. Oder weil sie nur wenige von uns betreffen. Weil Impfungen sie zurückgedrängt haben. Weil kleinere Ausbrüche rasch bekämpft werden und ohnehin eher ein Phänomen unter Randgruppen, wie Waldorfschulen, sind.

Was im Alltag noch übrig bleibt sind die Krankheiten, die wir als harmloser empfinden. Grippale Infekte, virale oder bakterielle Angina, hin und wieder mal ein wirklich für drei oder vier Tage lästiges und unangenehmes Norovirus.

Für uns sind Infektionskrankheiten in erster Linie etwas, wegen dem wir einen Kinoabend absagen müssen und dann frustriert sind. Aber oft – zu oft – bleiben wir damit nicht einmal zu Hause, sondern lassen unsere Mitschüler, Kollegen, Freunde oder Familie an unserem Glück und unseren Keimen teilhaben. Es ist doch nur ein Infekt. Es ist doch nur eine einfache Grippe.

Echte Epidemien glaubten wir besiegt zu haben. Sowas passiert ‚in Afrika‘ oder ‚in Asien‘. Jedenfalls wo anders. Jedenfalls nicht hier.

Die SARS-CoV-2-Pandemie hat uns aus dieser Phantasiewelt zurückgeholt. Sie hat uns gezeigt, dass wir nicht an der Spitze der Evolution stehen, sondern wir als Gefährt und Sprungbrett für die wahren Herrscher dieser Welt dienen: Viren und Bakterien. Und das unsere Achillesferse nicht, wie der eine oder anderen behauptet, das verweichlichte Immunsystem ist, sondern etwas ganz anderes: Hochmut.

Hochmut ließ uns das Virus unterschätzen und zwar nicht nur einmal, sondern immer und immer wieder. Hochmut ließ uns zu spät handeln oder zu früh aufmachen. Hochmut hält Menschen auch nach 18 Monaten davon ab, sich mit der Situation zu arrangieren und zu verstehen, dass die Bekämpfung von Infektionskrankheiten auf der einen Seite kein individuelles Problem ist, aber neben der Initiative des Staates und seiner Behörden auch die Mitarbeit jedes Einzelnen braucht.

Statt dessen wird die Erinnerung an die Vergangenheit als Argument hervorgezogen. Früher, so lautet die Behauptung, habe man bei Epidemien auch nicht so einen Aufriss gemacht. Man habe einfach damit gelebt – sprich, ein paar sind eben daran gestorben, aber deswegen wäre der Rest noch lange nicht zu Hause geblieben. Es wären auch keine Schulen geschlossen worden oder ähnlicher Schnickschnack.

Nachdem ich eine derartige Behauptung zum sicherlich hundertsten Mal lesen musste, bin ich im Anschluß auf Twitter leicht eskaliert:

Die Behauptung, man habe früher wegen Infektionskrankheiten nicht so einen Aufriss gemacht, könnte falscher nicht sein. Nahezu alle Einrichtungen, die uns von Ländern abgrenzen, die viele als weniger ‚zivilisiert‘ oder weniger entwickelt wahrnehmen, haben etwas mit Hygiene zu tun. Alles, was mit Hygiene zu tun hat, wurde im Endeffekt eingeführt, um Infektionskrankheiten und damit Epidemien und Pandemien zu bekämpfen oder ihnen vorzubeugen.

Wir haben keine Müllabfuhr, weil es so netter aussieht und besser riecht. Wir haben kein fließend Wasser und Warmwasser in der Wohnung, weil wir kollektiv irgendwann mal festgestellt haben, dass Wasser vom Brunnen zu holen echt lästig ist. Es wurde Geld und zwar viel Geld in die Hand genommen, um den Lebensstandard zu schaffen, die wir heute kennen und als normal hinnehmen. Mit Umwegen über Badehäuser für ärmere Gegenden und teilweise extremen Schritten, wie ganze Stadtteile abzureissen. Ein paar Beispiele finden sich als Kommentare unter dem oben eingebetteten Tweet (und am Ende des Artikels).

Leider haben das nicht nur Querdenker vergessen, sondern der Erinnerungsverlust reicht bis in die Entscheiderpositionen in der Wirtschaft und die Politik hinein.

Deswegen möchte ich, angeregt von Astralwelpe, hier im Blog in unregelmässigen Abständen in die Archive hinabsteigen und mit Erinnerungsstücken zurückkommen, die uns zeigt, wie wir die Welt verändert haben, wenn wir Infektionskrankheiten ernst nehmen und wie die Welt aussehen könnte, wenn wir es nicht tun.


Das Artikelbild

Das Artikelbild zeigt zwei Gesundheitsinspektoren, die ein verfallenes Gebäude in New Orleans auf Ratten hin untersuchen. Und zwar: zur Bekämpfung der Pest. In den USA. Am Anfang des 20. Jahrhunderts. Auch die Pest ist nicht weit weg im Mittelalter verortet.

U.S. Public Health Service rat control, New Orleans, La. - Man sieht zwei Männer im Anzug vor einer für unser heutiges Empfinden ziemlich heruntergekommenen Hütte stehen, anscheinend im Gespräch.
Zwei Mitarbeiter des öffentlichen Gesundheitsdienstes untersuchen ein teils verfallenes Gebäude und kontrollieren es auf Ratten. Das Foto stammt aus der „National Library of Medicine“ und wurde zwischen 1914 und 1920 aufgenommen. Die Arbeit der Männer ist Teil einer Gesundheits-Initiative gegen die Pest in New Orleans. Quelle: Flickr Commons https://www.flickr.com/photos/nlmhmd/49029063228/

Was Twitter dazu noch beizutragen hatte:

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Mela lebt, zusammen mit ihrem Mann, in Karlsruhe und schreibt über allerlei und unter anderem gerne über Geschichte und Geschichten. Sie besitzt einen BA (hons) Humanities with Creative Writing and History von der Open University in Milton Keynes, UK.


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